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Do | 24.10.2019 | Beginn 20:00 Uhr

Konzert

Kaiser Quartett

Four Kings - one Kaiser!

Wertes menschliches Ohr.
Bevor wir zu einer in Attitude, Rhythmus und Melodiosität herrlich abgefeimten Platte kommen, müssen Sie sich ein paar Fragen stellen. Also fragen wir Sie als erstes Mal frech von der Leber weg: Haben Sie Ahnung von Klassik? Genauer: Klassischer Musik. Von Kompositionslehre, Spielkompetenz der Musiker, Interpretationsvarianz, Quartenharmonik, Star-Dirigenten und der einen legendären Einspielung, die Karajan damals bei der Deutschen Grammophon nach tagelanger Großmembran-Mikrofonierung im großen Konzertsaal des Berliner Rundfunks machte und die die Abbildungsbreite der Solisten auf ein neues Level hob? Ja? Können Sie die europäischen Musikstile von 1730 bis 1850 halbwegs genau hochbeten und eine Kantate von einer Fuge und eine Oboe von einem Fagott unterscheiden? Ja, echt? Beziehungsweise: Ja, echt nicht?
Egal, ob Sie sich nun schon eher unangenehm ertappt oder angenehm gebauchpinselt fühlen - wir fragen mal weiter: Haben Sie mehr Musik vom Penguin Cafe Orchestra, Michael Nyman oder dem Kronos Quartett, sowie alle drei Piano-Platten von Gonzales zuhause und eben eher weniger von Stockhausen, Felix Mendelssohn Bartholdy und Dmitri Schostakowitsch in Originalaufnahme? Freuen Sie sich am meisten über klassische Musik, wenn sie im konsumierbaren Gewand des Film-Scores, der Einlaufmusik bei Großereignissen oder bei großorchestralen Versionen massengeliebter Pop-Acts daherkommt? Ja? Ist Vivaldis "4 Jahreszeiten" nicht eigentlich auch ein heimliches Lieblingsstück wie sonst zum Beispiel etwas vom kaum zugebbaren James Blunt oder einer anderen peinlichen Süßspeise? Ist es, ist es nicht?
Sind Sie also, und jetzt kommen wir langsam zum Kern, eher schöner Gelegenheits- und dünkelfreier Zufalls-Klassikhörer als hochambitionierter, die Nase hoch tragender und auf Pop tief hinabschauender Experte im Gebiet gestrichener Dreizehntonmusiken und wichtigster Hochkultur? Ja? Gut. Fassen wir zusammen: Sie sind also leicht zu haben.
Gratulation! Sie sind fähig und geeignet, die neue Platte des Kaiser Quartetts genießen zu dürfen. Jener Violine-, Violine-, Viola - Violoncello- Formation, die sich seit 15 Jahren zwischen Filmmusiken, Chilly Gonzales- und Jarvis Cocker-Inszenierungen, Kollaborationen mit BOY, Gregory Porter, Anna Ternheim oder Geiger Daniel Hope auf alle Musik-Stühle hinsetzt (sorgfältig hinsetzt!) und losstreicht. Selbst jiddischen Folksongs, Funktracks oder Avantgarde-Klängen fügen die vier Hamburger Adam Zolynski (Violine 1), Jansen Folkers (Violine 2), Ingmar Süberkrüb (Viola) und Martin Bentz (Violoncello) stets etwas Wesentliches hinzu. Auch international klappen ihnen sehr gerne Topmusiker die Notenständer auf, um ihre Werke mit dem kaiserlichen Streichersound zu veredeln, zu erweitern, zu vergrößern und vor allem: zu akzentuieren.
Denn das ist das große Pfund der vier höflichen Herren: Ihr Groove. Das sagt man zwar in üblichen Klassikkreisen nicht so, aber wir haben ja oben schon geklärt, dass wir der üblichen Lesart in der ernsten Musik nicht auf den Leim gehen. Die Timing-Akkuratesse der ‚Kaisers‘ ist legendär; sie schaben, pointieren und kratzen im Stil eines musikalischen Uhrwerkes. Selten sind Streicher so tight und präzise wie sie – „The worlds most expensive Sampler“ wurden sie von Chilly Gonzales einmal genannt.
Auf ihrer ersten Platte kommt hinzu, dass es ihnen nicht an horizontöffnenden Melodien mangelt. Jedem Herzbesitzer wird angesichts dieser dem sensiblen Sentiment gehorchenden Klänge warm. 12 instrumentale Stücke Pop, wohlfeil und frisch gezupft wie ein Baby-Mix-Salat.
Ahnung von klassischer Musik brauchen Sie dafür nicht. Nur Ohren und die offene Mindness dazwischen. Und das Gefühl fürs Gefühl.

Präsentiert von Hannover Concerts!