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Mi | 05.10.2016 | Beginn 19:00 Uhr

Vortrag & Diskussion

Rojava und die Türkei

Welche Chancen bleiben dem Demokratischen Konföderalismus?

Frühjahr 2014: Inmitten des syrischen Bürgerkrieges beginnen kurdische, assyrische, aramäische und andere Gruppen, in drei an der Grenze zur Türkei gelegenen Kantonen im Norden des Landes eine auf Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen, Basisdemokratie und Frauenbewegung basierende Selbstverwaltung aufzubauen. Dahinter steht das Konzept des Demokratischen Konföderalismus, das innerhalb der kurdischen Bevölkerung in den Jahren zuvor immer mehr Anhänger*innen fand. Zusammen bilden diese Kantone das von den kurdischen Milizen YPG und YPJ verteidigte Rojava. Die Türkei ist zu diesem Zeitpunkt zwar ein Verbündeter von erklärten Feinden Rojavas in Syrien, schreckt aber noch sowohl vor einem direkten Einmarsch in Syrien wie auch dem Bruch des Waffenstillstandes mit der kurdischen PKK im eigenen Land zurück.

Sommer 2016: Die mit Unterstützung der USA erzielten Erfolge der kurdischen Milizen und ihrer arabischen Verbündeten haben zur Ausdehnung Rojavas entlang fast der kompletten Grenze Syriens zur Türkei geführt. Bevor sich die letzten Islamisten von der türkischen Grenze zurück ziehen müssen, greift die Türkei ein: Während das türkische Militär tatenlos zusah, als Kobane, mittlerweile das weltweit bekannte Symbol Rojavas, vom „IS“ angegriffen wurde, überquert es nun die Grenze in der plötzlichen Absicht, den „IS“ zu bekämpfen. Dabei macht Staatspräsident Erdoğan keinen Hehl daraus, dass die Operation sich auch ganz klar gegen Rojava richtet. Die türkische Regierung sieht in Rojava ein von Unterstützer*innen der PKK kontrolliertes Gebiet – und mit der PKK führt sie mittlerweile einen blutigen Bürgerkrieg im eigenen Land. Die USA stehen nun vor dem absehbaren Dilemma, zwei verfeindete Verbündete in direkter Konfrontation mit einander zu haben. Hinter den Kulissen wird versucht zu vermitteln, doch die diplomatische und militärische Bedeutung der Türkei ist schlichtweg größer als die Rojavas. Und nach dem gescheiterten Putschversuch setzt die Regierung Erdoğan nun alles daran, aus der neuen Gemengelage größtmögliches innen- wie außenpolitisches Kapital zu schlagen.

Wie also wird die Zukunft aussehen? Befeuert der Einmarsch des türkischen Militärs in Syrien die Ethnisierung des politischen Konfliktes innerhalb der Türkei? Welche Möglichkeiten bleiben, um die vom Projekt Rojava ausgehenden Perspektiven eines friedlichen Ausgleichs und zivilen Fortschritts zu bewahren? Konnten die Ideale, auf denen Rojava gründet, überhaupt jemals in der Realität des Krieges bestehen und sind sie nun endgültig dem Untergang geweiht? Oder kann durch die internationale Solidarität sozialer Bewegungen noch ein Befreiungsschlag für Frieden und Demokratie in der Türkei und Rojava gelingen?

Dies wollen wir diskutieren mit:

Anja Flach. Buchautorin, Aktivistin und eine der wichtigsten deutschsprachigen Chronisten der kurdischen Bewegung
Ismail Küpeli. Politikwissenschaftler und Journalist, Herausgeber von "Kampf um Kobane"

Moderation: Marcus Munzlinger, Kulturzentrum Pavillon

In Kooperation mit der Initiative „Hannover für Rojava & Shengal“