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Mo | 08.12. | Beginn 19:00 Uhr

Vortrag & Diskussion

Netztalk: Kritik der vernetzten Vernunft [upgrade Pavillon]

Jörg Friedrich, Autor der „Kritik der vernetzten Vernunft“ im Gespräch

Wir sind vernetzt, nicht nur im Internet. Vernünftige Entscheidungen sind ohne Netzwerke kaum noch möglich. Netzwerke versorgen uns mit Informationen, geben Antwort, schaffen Klarheit.

Vielleicht sind Netzwerke, und ganz besonders die im Internet, so etwas wie das „Extended Mind“ - eine Erweiterung des Geistes des Menschen. Wir könnten auch noch weiter gehen und behaupten, dass sich die Vernunft selbst ins Netz verlagert. Crowd Work, von Wikipedia über Open Source bis zu Amazons Mechanical Turk ist da nur ein aktuelles Stichwort.

Könnte man sagen, dass die vernetzte Vernunft dabei ist, sich aus den Köpfen der Menschen, die das Netz benutzen, in das Netz selbst zu verlagern? Wir reden von Smart Cities und Smart Home, sind das Vorboten einer Welt, in der „Vernunft“ nicht länger das Alleinstellungsmerkmal einer biologischen Art ist, sondern Attribut eines technischen Netzes, an dessen Interface wir uns anschließen, um an der Vernunft noch teilhaben zu können?

Wie verändert es den Menschen, wenn das Netz vernünftig wird? Wird er selbst dümmer, oder immer vernünftiger? Solche Fragen fordern das Denken heraus. Wir müssen erst einmal klären, was Vernunft ist, und was man allenfalls als gigantische Datenverarbeitung, als Ausführen komplexer Rechnungen ansehen kann.

Die vernetzte Vernunft ist älter als das Internet. Sie entstand mit der modernen Naturwissenschaft und den Erfindungen der Neuzeit. Sie hat sich die Netzwerke geschaffen, in die sie sich einknüpfen kann. Und sie hat sich ein Bild von sich selbst geschaffen, das zum Netzwerk passt: Vernünftiges Denken, das sollte fortan nicht mehr Spekulieren und Sinnieren, nicht mehr Intuition und Emotion sein. Nur sachlich-kühles, exakt-logisches Schließen, Spielen nach Regeln, Normgerechtes Verhalten gilt der vernetzten Vernunft als vernünftig - eben das, was auch vernetzte Computer zu leisten vermögen.
Aber das Denken bleibt dem Menschen - und damit auch eine ganz eigene Form von Vernunft, die sich nicht aufs Kalkulieren und Protokollieren beschränkt. Das Denken verschafft uns Souveränität gegenüber den technischen Netzen, lässt uns frei über Wünsche und Visionen sinnieren und dem eigenen Gewissen lauschen. Diese freie Vernunft, die sich vernetzt und Netzwerke nutzt ohne sich an diese zu verlieren, wird im digitalen Zeitalter nicht überflüssig, sondern immer wichtiger.

Gastgeber und Moderator des Abends ist Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur von c’t und heise online.

Mehr über Jörg Friedrich: www.jörg-friedrich.de

Mehr über Jürgen Kuri: http: //www.heise-medien.de/artikel/Personen-1358311.html

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